Business Angel Dr. Cornelius Boersch im Interview mit Wissen+Karriere
Seine berufliche Laufbahn erinnert an die Geschichte „Vom Tellerwäscher zum Millionär“. Ein junger Mann der „Null Bock-Genenration“ zieht aus, um in erster Linie Fußball zu spielen und Mädchen kennen zu lernen. Die Schule stand nicht im Mittelpunkt seines Lebens. Er hat sich mit seinem Charme und seinem untrüglichen Gespür, 100 Prozent Leistung zu bringen, wenn es darauf ankommt, eher so durchgewurstelt, schlussendlich dann aber doch noch einen ganz passablen wissenschaftlichen Abschluss mit Promotion geschafft. Trotzdem blieb er immer ein Mann der Praxis. Ob er nun während seines Studiums als Barkeeper jobbte oder nebenher französische Schlösser an deutsche Investoren verkaufte, Cornelius (Conny) Boersch hatte das berühmte Händchen für erfolgreiche Geschäfte. Das ist bis heute so geblieben, nur dass sich die Dimensionen verändert haben. Conny Boersch spielt in der ersten Liga der deutschsprachigen Wirtschaft eine herausragende Rolle und gilt als der europäische Networker schlechthin. Kontakte und Beziehungen sind sein Leben.
Wissen+Karriere-Herausgeber Bernd Seitz sprach mit Conny Boersch an seinem Geschäftssitz am Züricher See.
Wissen+Karriere: Herr Dr. Boersch, Sie haben aus dem Nichts heraus innerhalb von zehn Jahren mit Chipkarten ein sagenhaftes Vermögen verdient und auch viele Ihrer damaligen Mitarbeiter zu reichen Leuten gemacht. Könnte man unter den heutigen wirtschaftlichen Verhältnissen noch einmal einen solchen Coup landen?
Conny Boersch: Selbstverständlich, das passiert immer wieder. Nehmen Sie in Ihrer Branche das Beispiel Helmut Spikker aus der Network-Marketing und Direktvertriebsbranche, der aus dem Nichts ein riesiges internationales Unternehmen aufgebaut hat, es verkaufte und nun mit einem neuen Unternehmen startet, das er an die Weltspitze des Direktvertriebs bringen möchte. Aber auch in anderen Branchen gibt es immer wieder kometenhafte Aufstiege: Nehmen Sie Jamba oder Skype als zwei von vielen Bespielen.
W+K: Heute sind Sie als einer der bekanntesten Business Angel Europas beschäftigter denn je und wurden vor wenigen Wochen zum „European Business Angel of the Year 2009“ gewählt. Unter dem Dach der Mountain Partners Group haben Sie zwischenzeitlich über 120 Unternehmen angesammelt, denen Sie mit mehr als 50 der besten Business Angel Europas finanziell, fachlich und emotional den nötigen Rückenwind geben. Gibt es so etwas wie eine Business-Angel-Industrie und was sind das für Leute, die sich als Business Angels engagieren?
Boersch: Über 20.000 aktive Business Angel in Europa helfen jungen Unternehmern dort, wo es keine Finanzierung durch Staat und Banken gibt. Oftmals handelt es sich um gestandene Unternehmer, die ihre Firmen verkauft oder ihrem Nachwuchs übergeben haben. Sie sind meist aus dem Berufsleben ausgeschieden, wollen aber weiterhin am Geschäftsleben aktiv teilnehmen, indem sie jungen Unternehmern und deren Unternehmen ihre Erfahrungen weitergeben und ihnen ihre gewachsenen Netzwerke und Kontakte zur Verfügung stellen.
W+K: Das böse Wort Heuschrecke hat damit nichts zu tun? Immerhin sammeln Sie die Unternehmen bzw. die Beteiligungen ja nicht für die Ewigkeit, sondern wollen sie nach einer gewissen Anlaufphase wieder gewinnbringend verkaufen.
Boersch: Nein, die so genannten Heuschrecken beteiligen sich an Unternehmen meist nur, um sie schon nach relativ kurzer Zeit auszuschlachten und die Filetstücke zu verkaufen. Business Angels dagegen bringen nicht nur Geld ein, sondern in erster Linie solide gewachsenes Know-how der Unternehmensführung, Vertrieb, Marketing und Finanzen. Sie begleiten das junge Unternehmen, regieren aber in der Regel nicht in das operative Geschäft hinein.
W+K: Wie funktionieren Business Angel-Investments in der Praxis? Junge Unternehmen mit vielen guten Ideen und dem festen Willen, richtig groß heraus zu kommen, gibt es sicher genug. Kann jeder zu Ihnen kommen und wie bei einem Lottogewinner nach Unterstützung fragen?
Boersch: Grundsätzlich schon. Wir haben täglich fünf bis sechs konkrete Anfragen von jungen Unternehmern mit zum Teil fantastischen Geschäftsideen. Im Schnitt investieren wir alle zwei Wochen in unterschiedlichen Größenordnungen in solche Newcomer. Wobei der Einsatz von Geld nicht die wichtigste Frage ist, wenngleich der Finanzierungsaspekt für Unternehmen aufgrund der Zurückhaltung der Banken immer schwieriger wird. Mindestens genauso wichtig ist für ein startendes Unternehmen, dass wir als Berater und Kontaktgeber hinter dem Management stehen und dies aktiv unterstützen.
W+K: Welche Grundkriterien sollte ein junges Unternehmen erfüllen, sodass sich Ihre Business Angels damit beschäftigen? Sind es vorrangig die Businesspläne mit möglichst hohen Gewinnaussichten oder ist es mehr die vielleicht noch nie da gewesene Geschäftsidee?
Boersch: Zunächst einmal ist es die Begeisterung, die ein Firmengründer nun einmal mitbringen muss. Ich möchte das Leuchten in den Augen des Gründers sehen. Nur wer selbst von seinem Geschäft begeistert ist, kann auch andere Menschen davon überzeugen. Die Businesspläne sind für uns nicht so wichtig, denn Papier ist bekanntlich geduldig. Wir achten mehr auf andere Kriterien, wie zum Beispiel, ob eine Geschäftsidee aufwändig erklärt werden muss, ob internationale Marktausdehnungen möglich sind, ob das Unternehmen in der Lage ist, schnell zu wachsen und insbesondere darauf, wer die Menschen sind, die hinter einem neuen Unternehmen stehen und dieses nach vorne bringen wollen. Teams sind übrigens gegenüber Einzelkämpfern immer im Vorteil.
W+K: Idee und Begeisterung schlägt also Geld? Geht diese Rechnung denn immer auf?
Boersch: Na ja, ich möchte es einmal so formulieren, dass man bei jedem Engagement natürlich felsenfest der Meinung ist, einen Volltreffer gelandet zu haben, sonst würde man ja nicht in ein Unternehmen, in ein Team oder eine Idee investieren. Meist nach zwei, drei Jahren weiß man dann, wo der Weg wirklich hin geht. Zu einem wirklich großen Wurf entwickelt sich im Durchschnitt allerdings nur jedes zehnte Engagement. Trotzdem stehen bei uns die Weichen für die kommenden drei Jahre auf Expansion mit vielen neuen Unternehmen. Derzeit tun sich sehr viele neue Geschäftsmöglichkeiten auf, bei denen der richtige Zeitpunkt für Investitionen oftmals von größter Bedeutung sein kann.
W+K: Sie haben in Ihrem Portfolio die unterschiedlichsten Firmen, mit Produkten und Leistungen, die auf den ersten Blick überhaupt nicht zusammen passen, um zumindest eine gewisse Nutzung von Synergien zu ermöglichen. Können sich diese Unternehmen trotzdem den einen oder anderen Ball zuschieben?
Boersch: Wir sind bei allen unseren Beteiligungen immer in der Minderheit. Dies nicht zuletzt deshalb, weil wir die Geschäftspolitik nicht bestimmen wollen, sondern der Ratgeber im Hintergrund sind. Professionell, aber ohne Druck. So verhält es sich auch unter den einzelnen Gesellschaften. Die Macher kennen und schätzen sich, tauschen sich aus und helfen wo es geht. Sie nutzen gegenseitige Synergien und Kontakte, sind aber immer frei in ihren Entscheidungen. Dass aus dieser Zusammenarbeit gute Geschäfte entstehen können, zeigen die Entwicklungen unserer Unternehmensbeteiligungen völlig unterschiedlicher Branchen, die sich gegenseitig die Märkte in China und Saudi-Arabien öffnen.
W+K: Sie investieren in alle möglichen Branchen, von Energie- und Umwelttechnologie bis zu Internetportalen oder lebensrettender Medizintechnik. Legen Sie Ihr Portfolio gezielt ganz breit über alle Branchen an, oder ist die Branchenauswahl eher zufällig?
Boersch: Wir fokussieren uns ganz bewusst nicht auf eine Branche, bewegen uns aber auch nicht mit aller Gewalt auf allen Baustellen der Welt. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass ein Einstieg gerade in eine einem noch unbekannten Branche besonders interessant ist. Unter dem Strich dürfte ein gesunder Branchenmix optimal sein. Der beste Seismograph ist aber immer noch der eigene Geldbeutel. Bei jeder Investition setze ich eigenes Geld ein, da besteht nicht die Gefahr, leichtsinnig zu werden.
W+K: Sie sind ein überzeugter Networker und führen viele Menschen zusammen, die sich sonst nie treffen würden. Bringt Ihnen dies unter dem Strich auch etwas oder genügt es Ihnen, einfach Ihren Mitmenschen durch Ihre Kontakte zu helfen?
Boersch: Zunächst einmal ist Networking, ob nun im Geschäftsleben oder privat, für das Zusammenleben und Zusammenarbeiten äußerst wichtig. Dabei steht der direkte Nutzen nicht im Vordergrund. Aktives Networking lohnt sich eher indirekt, das Ziel sollte es sein, dass alle Beteiligten von gegenseitigen Kontakten partizipieren. Ich rechne da aber nicht auf, ich freue mich, wenn ich Menschen zusammenbringen kann.
W+K: Welche Voraussetzungen müssen gegeben sein, dass Sie jemanden in Ihren Kreisen empfehlen oder einen direkten Kontakt machen?
Boersch: Da kann ich natürlich keine allgemeinen Ratschläge geben, denn ich kann aufgrund meines Vermögens frei darüber entscheiden, mit wem ich Geschäfte machen möchte und mit wem nicht. Da spielt natürlich der erste Eindruck, die Sympathie und das berühmte Bauchgefühl eine große Rolle.
W+K: An Ihrem Schweizer Firmensitz fällt es auf, dass Sie eine Vielzahl äußerst gut ausgebildeter junger Leute beschäftigen. Kann man Sie auch in punkto Aus- und Weiterbildung als eine Galionsfigur der Wirtschaft bezeichnen? Wie wichtig ist es, dass Unternehmer Geld für die Bildung Ihrer Mitarbeiter in die Hand nehmen?
Boersch: Das Geld für die Bildung und Ausbildung von Mitarbeitern ist in jedem Fall eine gute und sinnvolle Investition. Erfolgreiche Unternehmen lassen ihren Mitarbeitern die beste Ausbildung zukommen, das zahlt sich immer aus. Wobei wir Wert darauf legen, dass unsere jungen Mitarbeiter sehr früh lernen, Verantwortung zu übernehmen und Entscheidungen zu treffen. Wobei die reinen Fachkenntnisse nur ein Teil der Ausbildung sind. Nicht weniger wichtig ist es, dass der Mitarbeiter lernt, auch dann ein liebenswerter Mensch zu bleiben, wenn mit steigender Karriere Macht und Einfluss zunehmen. Zu unserem Ausbildungskonzept gehört es, dass die jungen Mitarbeiter lernen, ihr Leben zu leben. Dazu gehört weit mehr als die rein fachliche Ausbildung, sondern auch Sport, Ernährung, Persönlichkeitsentwicklung und Ausdrucksformen. Die Netzwerke, die unsere Nachwuchs-Führungskräfte während ihrer Ausbildung aufbauen, sind für ihren künftigen Lebensweg unbezahlbar.
W+K: Ihre Unternehmen engagieren sich neben dem deutschsprachigen Raum auch stark in China und Saudi-Arabien. Werden dort anstelle von Europa und USA in der Zukunft die großen wirtschaftlichen Räder gedreht?
Boersch: Ja, davon bin ich fest überzeugt. Dies liegt aber in erster Linie nicht alleine am natürlichen Reichtum wie in Saudi-Arabien oder der Größe des Landes wie China, sondern in der erstklassigen Ausbildung der nachkommenden Generationen. Der Nachwuchs besucht die besten Universitäten der Welt und in Saudi-Arabien wurde eben die 36 Quadratkilometer große und 12,5 Milliarden Dollar teure Elite-Universität eröffnet, die eine weltweite Vorbildfunktion haben wird. 2.000 Studenten werden von 600 Fakultätsmitgliedern aus aller Welt in den aktuellsten Forschungsthemen angewandter Wissenschaften wie Photovoltaik und unterirdische CO2-Speicherung, Bio- und Nanotechnologie, Computer- und IT-Wissenschaften zu hochkarätigen Spezialisten ausgebildet. Die Bildung der Bevölkerung ist das künftige Kapital der Länder. Wer hier Defizite wie Deutschland hat, kann international schnell ins Abseits geraten.
W+K: Herr Dr. Boersch, was können Sie Jungunternehmern und Firmengründern mit auf den Weg geben?
Boersch: Trauen Sie sich in die berufliche Selbstständigkeit. Orientieren Sie sich nicht an denen, die sich nicht trauen, ihr Leben selber in die Hand zu nehmen. Orientieren Sie sich an den erfolgreichen Machern die mit persönlichem Einsatz und einer nie endenden Begeisterung ihren Weg gehen. Es ist nicht bedeutend, welches Geschäft Sie machen, sondern wie Sie es machen.




















